Robinie, Baum des Jahres 2020 – ein Interview mit Förster Olaf Schmidt

Die Robinie ist eine bizarre Erscheinung: Weiße Blüten – schwarze Äste

Die Stiftung „Baum des Jahres“ hat die Robinie als Baum des Jahres 2020 ausgerufen. Mit ihrer üppigen Blütenpracht ist sie nicht zu übersehen. Im Frühsommer leuchten ihre Kronen wie große weiße Wattebäusche an Waldrändern, Feldgehölzen und in Ortschaften. Doch so schön sie ist: die Robinie ist nicht unumstritten.

Ich habe den Leiter der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) und ausgewiesenen Baumexperten Olaf Schmidt zur Robinie als neuem Baum des Jahres befragt.
Halten sich ökologische Vor- und Nachteile die Waage? Vor über 300 Jahren wurde die Robinie – auch Scheinakazie genannt – in Mitteleuropa eingeführt. Sie ist eine Meisterin im Besiedeln der unwirtlichsten Lebensräume, sie hat ein extrem haltbares Holz und ist eine wertvolle und ausgiebige Bienenweide. Für die einen ist sie eine zukunftssichere Baumart im Klimawandel, für die anderen ein invasiver Neophyt, der Naturkleinode bedroht.

Die Robinie und der Wald

– Sehr geehrter Herr Schmidt: Hat Sie die Auswahl der Robinie als Baum des Jahres überrascht?
Olaf Schmidt: Nein, eigentlich war ich nicht überrascht, denn es standen drei Kandidaten zur Auswahl, Kornelkirsche, Silberpappel und Robinie, und da habe ich schon mit der Robinie gerechnet. Kornelkirsche ist keine Baumart, auch wenn es einzelne, alte baumförmige Kornelkirschen gibt, und die Silberpappel ist eine Auwaldbaumart, ähnlich wie die Flatterulme als Baum des Jahres 2019.

Nahaufnahme der Blütenpracht der Robine
Die Robinie ist eine wertvolle Bienenweide

– Robinie – was fällt Ihnen dazu als Erstes ein?
Akazienhonig! Denn die Robinie ist eine hervorragende Bienenweide und wurde daher auch aktiv von Imkern verbreitet. Ihr Nektar enthält viel Fruktose und bleibt daher lange flüssig. In Brandenburg stellt der Blütenhonig von dieser Baumart in guten Jahren bis zu 60 Prozent der gesamten Honigernte.

– Wie der wissenschaftliche Name Robinia pseudoacacia oder auch Scheinakazie nahelegt, gibt es Ähnlichkeiten zur südländischen Akazie. Welche sind das?
Die Robinie besitzt fein gefiederte Blätter und manchmal auch eine abgeflachte Kronenform, so dass sie gewisse äußere Ähnlichkeiten mit den echten Akazien aufweist. Die Akazien sind aber Baumarten aus den Subtropen und Tropen. Die Heimat der Robinie liegt im östlichen Nordamerika.

– Was schätzen Sie als Förster am neuen Baum des Jahres?
Ich schätze vor allem das sehr haltbare und harte Holz der Robinie! Sie hat als einzige europäische Baumart ein zugleich extrem schnell wachsendes und festes Holz mit hervorragenden technischen Eigenschaften. Robinienholz ist eines der härtesten europäischen Hölzer und widerstandsfähiger selbst als Eichenholz. Es ist auch ohne Holzschutzmittel im Freien sehr dauerhaft, weshalb es zum Beispiel für Gartenmöbel oder Spielgeräten auf Spielplätzen sehr gut geeignet ist. Man spricht auch wegen seiner Haltbarkeit vom “Teak des Nordens”.
Der Kern ist auffällig grünlich gefärbt. Bei der Bearbeitung des Robinienholzes müssen die Arbeitsschutzvorschriften eingehalten werden, da der Holzstaub der Robinie aufgrund der vielfältigen Inhaltsstoffe allergene Wirkung zeigen kann.

Große Robinie am rechten Fahrbahnrand
Prächtige Robinie am Ortseingang

Forstwissenschaftler an der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft  (LWF) untersuchen derzeit in einem Forschungsprojekt die Robinie hinsichtlich der Eignung als forstlicher Zukunftsbaum im Klimawandel. Denn die Klimaerwärmung wird der Robinie keine Probleme bereiten: Ihre Ansprüche an die Wasserversorgung sind sehr gering und gegen Hitze und Dürre ist die Robinie weitgehend unempfindlich. Befinden sich doch meisten Robinienbestände im Land Brandenburg, das mit einer durchschnittlichen Jahresniederschlagssumme von weniger als 600 mm eines der trockensten und niederschlagsärmsten Bundesländer ist.

Ihre Hitze- und Trockenheitsbeständigkeit verdankt sie neben ihrem ausgeprägten Wurzelwerk auch einem interessanten Trick. Die gefiederten Laubblätter bestehen aus bis zu neunzehn eiförmigen Einzelblättchen. Diese sind durch kleine Gelenke mit dem Blattstiel verbunden und können bei großer Hitze aus der Sonne nach unten abgeklappt werden.

– Gibt es in Deutschland größere mehr oder minder reine Robinien-Waldbestände?
In deutschen Wäldern kommt die Scheinakazie nach den Ergebnissen der Dritten Bundeswaldinventur nur mit einem Flächenanteil von deutlich unter einem Prozent vor. Anders als im warmen Ungarn. Dort nimmt sie fast 1/4 der gesamten Waldfläche ein und zählt mit ihren geradstämmigen Zuchtformen zu den wichtigsten forstlichen Baumarten.
In Deutschland stocken größere Robinien-Bestände vor allem in Brandenburg, Sachsen und Rheinland-Pfalz. In Bayern wurde sie vor allem auf den sandigen Standorte vor allem im Regnitz-Gebiet um Nürnberg und Bamberg, forstlich angebaut. Scheinakazien in der freien Landschaft sieht man häufig an Bahndämmen und auf Ruderalstandorten. In Sachsen und Brandenburg hat sie Bedeutung bei der Aufforstung von BergbauFolgelandschaften bzw. von Halden.

Ökologische Bedeutung der Robinie

– Welche ökologische Bedeutung hat der Baum des Jahres 2020 darüber hinaus?
Bei uns ist die Robinie ja nicht heimisch, aber unsere blütenbesuchenden Insekten, wie die Honigbiene, aber auch andere Insekten, wie zum Beispiel Schwebfliegen, lieben die Blüten der Robinie. Die Robinie blüht circa 2 Wochen so Ende Mai/Anfang Juni, sie ist hervorragender Nektarspender. Die weißen, duftenden Blüten sind eine wahre Augenweide und in Städten, Parks, Grünanlagen, an Waldrändern ist  die Robinie ein ornamentaler Schmuckbaum.

Marterl an der Robinie: Neophyt trifft auf Brauchtum

– Woher kommt die Robinie und wann wurde sie nach Europa eingeführt?
Die Robinie stammt aus dem östlichen Nordamerika und sie wurde als eine der ersten amerikanischen Baumarten schon im 17. Jahrhundert nach Europa eingeführt. Schnell begann ihr Siegeszug durch Europa und Asien. Ihr Name soll auf den französischen Botaniker Robin zurück. Aufgrund ihrer Einführung in Europa nach 1492 zählt sie zu den zu den sogenannten Neophyten – Neupflanzen.

– Die Robinie hat als Pflanze in bestimmten Bereichen einen deutlich invasiven Charakter. Sehen sie eine Bedrohung durch diese Baumart?
Die Robinie ist vom Verhalten her eine Pionierbaumart mit schnellem Jugendwachstum, frühzeitiger Fruktifikation, reicher Wurzelbrut und als Leguminose mit stickstoffsammelnden Bakterien an den Wurzeln. Diese Eigenschaften können zu einem invasivem Eindringen der Robinie in naturschutzfachlich wertvolle Biotope, zum Beispiel Trockenrasen und Magerstandorte führen. Durch ihr leicht zersetzliches Laub und durch ihre stickstoffsammelnden Wurzelbakterien kann sie Standorte verändern und eutrophieren. Es treten dann nitrophile (Stickstoff liebende) Pflanzen, wie zum Beispiel Holunder, Brennnessel häufiger auf.

Als invasiver Neophyt wird die Robinie auf solchen Flächen konsequent bekämpft. Dies stellt sich aber als äußerst schwierig heraus. Denn hat sie einmal „Fuß gefasst“, ist sie dank ihr ausgeprägten Fähigkeit zu Wurzelbrut und Stockausschlag fast nicht mehr von der Fläche zu bekommen. Erschwerend kommt hinzu, dass ihr Samen im Boden bis zu zehn Jahren keimfähig bleibt.

Ein invasives Eindringen in Laubmischwälder auf mittleren und besseren Standorten ist nicht zu erwarten. Man muss die Ansprüche der Baumart kennen, dann kann man auch mit dieser Baumart umgehen. Meine Auffassung ist es sowieso, dass Baumarten die Biodiversität nicht bedrohen.

Besitzt die Robinie als Baumart bei uns Feinde bzw. Schaderreger?
Alle Pflanzenteile der Robinie – mit Ausnahme der Blüten – sind stark giftig. Zusammen mit ihren starken Dornen hat sie deshalb eigentlich keine Feinde im Tierreich zu fürchten. Mittlerweile aber hat sich ein neues Neozoon in Europa etabliert, ein nicht heimisches Tier: Die Robinien-Miniermotte. Ihre Raupen fressen ausschließlich die Blätter der Robinie. 1983 wurde dieses in Nordamerika heimische Insekt das erste Mal in der Nähe von Basel entdeckt. Von dort aus hat es sich sehr rasch im übrigen Europa verbreitet.
Es hat eine gewisse Ironie: Ein Neozoon frisst seinen Neophyten!
Mit dem Eschenbaumschwamm und dem Schwefelporling (Artikel im Gartenblog) treten an der Robinie auch parasitische Holzpilze der auf. Pilze und Miniermotten stellen aber keine Bedrohung für den Bestand der Scheinakazie dar.

Bäume des Jahres

Zum Schluss: Welcher der jetzt inzwischen 32 Bäume des Jahres ist ihr persönlicher Favorit?
Als Forstmann gefallen mir eigentlich alle Baumarten! Ich bin ja auch dendrologisch sehr interessiert! Aber wenn ich einen Favoriten nennen soll, dann ist es für mich die Vogelbeere! Diese Baumart begleitet mich seit meiner Kindheit und ich freue mich als Vogelfreund über den Besuch verschiedenster Vogelarten an der Vogelbeere, um dort die Beeren zu fressen.

– Und welche Baumart würden Sie gerne nächste Jahr als Baum des Jahres nominiert sehen und warum?
Nun sind ja schon fast alle unserer Baumarten einmal Baum des Jahres gewesen. Wir besitzen ja in Mitteleuropa nur eine relativ kleine Baumartenanzahl. Aus waldökologischen Gründen würde ich mich über die Gemeine Traubenkirsche (Prunus padus) oder die Salweide (Salix caprea) als Baum des Jahres freuen.

– Vielen Dank Herr Schmidt für das aufschlussreiche Interview!

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