Der Gartenzwerg – Urdeutsch mit Migrationshintergrund

 

Animation: aus einem Steinmanderl wird ein Gartenzwerg
Das Steinmanderl ist die nächste Annäherung an einen Gartenzwerg in meinem Garten

Wenn überhaupt, würde in meinen Garten so ein Gartenzwerg wie rechts sein Unwesen treiben dürfen – da braucht es halt etwas Fantasie ;)
Auch wenn er gemäß der „Internationalen Vereinigung zum Schutz der Gartenzwerge“ mit Sitz in Basel definitiv kein Gartenzwerg ist. Denn dieser ist nach Vorschrift maximal 69 Zentimeter groß, trägt eine Zipfelmütze, einen Bart und ist männlich.

In den wilden 1960er Jahren wurde der Gartenzwerg zum Symbol deutschen Spießertums. Aber jenseits der Diskussion um romantische Verklärung, Kitsch und neuerdings Provokation ist der deutsche Gartenzwerg eine gesellschaftsgeschichtlich äußerst interessante Figur.

Woher kommt der Gartenzwerg?

Römer und Germane – Gartenzwerg im Ludovischen Sarkophag (3. Jhd. n. Chr.)
Quelle: Museo nazionale romano di palazzo Altemps [CC BY 2.5 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.5)], via Wikimedia Commons
Schon seine Herkunft passt so gar nicht zum klassischen Bild als Verkörperung des urdeutschen Michel.

Über zehn Jahre hat der Soziologe Hans Werner Prahl die Geschichte der Gartenzwerge erforscht. Er kam zu dem überraschenden Ergebnis: Der Gartenzwerg hat einen Migrationshintergrund! Urahnen unseres Gartenzwergs sind Figuren aus der heutigen Osttürkei. Venezianische Kaufleute brachten diese Figuren im 14./15. Jahrhundert nach Italien, wo sie die Parkanlagen der Fürstenhöfe schmückten. Bald schon tauchten auch nördlich der Alpen die ersten Zwerge aus Sandstein auf.
Aber schon in der Antike hatte der Gartenzwerg mit Zipfelmütze und Bart sein typisches Gepräge. Dies zeigt sich auf dem Große Ludovisischen Schlachtsarkophag aus dem 3. Jahrhundert. Schon damals – so scheint es – war der Gartenzwerg Sinnbild des Deutsch-Germanentums.

Wie sehr der Gartenzwerg im Laufe seiner Geschichte immer wieder auch mit Ablehnung zu kämpfen hatte, kann man in Johann Wolfgang von Goethes Versepos „Hermann und Dorothea“ von 1797 nachlesen. Dort lässt er einen Gartenbesitzer mit „Bettlern von Stein“ und „farbigen Zwergen“, klagen, dass seinen ganzen Stolz keiner mehr sehen will.

Mit der Industrialisierung begann der weltweite Siegeszug der roten Zipfelmützen. Denn ab Ende des 19. Jahrhunderts wurden in Gräfenroda in Thüringen Gartenzwerge in Massen- und Serienproduktion hergestellt. In Gräfenroda, bis heute Heimstatt der Zwergenproduktion, festigte sich dann auch ihr modernes Aussehen als tüchtige Bergleute, wenn auch noch unbefleckt von den Stilverirrungen disney’scher oder fernöstlicher Provenienz.

Der Gartenzwerg schreibt deutsche Geschichte

Der Gartenzwerg als Wanderer zwischen den Welten

Man möchte es fast nicht glauben, aber der Gartenzwerg ist ein höchst politisches Wesen, ein Zoon politikon. Zwischen 1933 und 1989 wandelte er sich vom da wie dort missliebigen Antifaschisten zum Antikommunisten.
Den Nazis passte dieser Knirps als Vertreter deutschen Wesens nicht in das Propagandabild des großgewachsenen Ariers und so wurde die Aufstellung von Gartenzwergen kurzerhand auch in privaten Gärten verboten.

Kaum hat sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs der Gartenwicht von der faschistischen Unterdrückung aufgerappelt, holte ihn die ideologische Repression erneut ein.  Trotz der roten Mütze kam es 1948 in der gesamten sowjetischen Besatzungszone zu einem Produktionsverbot für Gartenzwerge. Den Kommunisten im Bauern- und Arbeiterstaat war der Zwerg zu bürgerlich. In Gräfenroda musste wieder politisch unverfängliche Tonware wie Sparschweine produziert werden.
Aber nur vier Jahre später wurde ohne große Aufhebens die Produktion wieder hochgefahren. Denn der Bergbau-Zwerg brachte Gold zutage – in Form von Devisen: In großen Stückzahlen wurde der thüringische Gartenzwerg aus Gräfenroda ins Wirtschaftswunder-Vorgartenidyll des bourgoisen Westens verkauft.

Der Gartenzwerg heute

Von der Verdammung durch die Altachtundsechziger erholte sich der arme Wicht erst ab 1990 wieder, wenn auch häufig in neuem Gewand – oder auch ohne selbiges. Die Zwergen-Industrie bietet heute neben den klassischen Modellen mit Harke und Gießkanne auch Antizwerge an mit Messer im Rücken oder im Domina-Outfit inklusive devotem Sklavenzwerg. Hat der kleine Mützenträger mit Ach und Krach die Konfrontation und den Zusammenbruch der beiden großen Gesellschaftsentwürfe des 20. Jahrunderts überstanden, so steht er jetzt oft im Zentrum kleinlichen Nachbarschaftsstreits. So ist es zum Beispiel nach höchstrichterlicher Rechtsprechung verboten, durch Aufstellen eines Gartenzwergs mit blankem Gesäß, das in Richtung Nachbarn zeigt, diesen zu provozieren und in seinem Ehrgefühl zu verletzten.

Ein neuer, dem friedliebenden Gärtner wieder näherstehender Trend ist der Gartenzwerg als funktionelle Gartendeko zum Beispiel mit Beleuchtungs- oder Bewässerungsfunktion. Wer sich mit dem Gedanken trägt, seinen Garten mit zipfelmützigen Wichten zu bevölkern, sollte dabei aber die marktwirtschaftliche Dynamik von Angebot und Nachfrage im Auge behalten. So hat die Autorin Stefanie Dimpker in Ihrem Artikel „Gartenzwerge in Deutschland und Europa“ (s.u.) neben interessanten Hintergrundinfos wie der bundesdeutschen Verteilung der kleinen Wichte und rechtlichen Fragen auch Daten zur jahreszeitlichen Preisentwicklung zusammengetragen. Zur rechten Zeit  eingekauft, kann der Gartenzwerg-Freund bis zu 20 Euro sparen!

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