Nematoden, Nacktschnecken und das biologische Gleichgewicht

Marienkäfer - Larve
Auch Marienkäferlarven mit ihrem Appetit auf Blattläuse sind ähnlich den Nematoden biologische Helfer im Garten

Die mikroskopischen Nematoden oder Fadenwürmer als Mittel gegen die Nacktschneckenplage habe ich zum ersten mal auf den Freisinger Gartentagen gesehen.
Nach Jahren im meist vergeblichen Ringen um meine Salat- und sonstigen Gemüsepflänzchen versprach ich mir von diesem ökologisch unbedenklichen Verfahren, dass künftig auch für mich etwas aus dem Gemüsegarten übrigbleibt.

Also habe ich ein „paar“ bestellt:
60 Millionen Fadenwürmer / Nematoden für 200qm Garten.
Klingt viel, ist aber auch nicht mehr als nur ein kleines Päckchen.

Zur Diskussion:
Die Schnecken dürfen aber auch leben…

Ich will die Nacktschnecken nur etwas eindämmen. Ich will sie nicht „bekämpfen“, sie arbeiten ja auch in meinem Kompost. Und auch ohne jede augenscheinliche “Nützlichkeit” ist jede Lebenform einzigartig und wunderbar – auch Nacktschnecken! Aber ich will doch auch meinen kleinen Anspruch als Teil des Biotops auf das Stück Land und dessen Gewächse erheben dürfen.

Ökologisch betrachtet – wissenschaftlich, nicht ideologisch – ist der Garten kein ungestörtes, in Jahrtausenden fein ausbalanciertes Biotop, in dem durch die Gesetze der Natur jeder Kreatur durch natürliche Gegebenheiten und Konkurrenz genau seine Grenzen gesetzt sind. Der Garten ist per definitionem ein hochgradig gestörtes Ökosystem, in dem immer – gewollt oder ungewollt – die Möglichkeit besteht, dass sich eine der Arten aus Fauna und Flora auf Kosten der anderen breitmacht. Garten ist eben gestaltete Natur, wobei am besten mit und nicht gegen sie gearbeitet wird, aber er ist nie paradisisch unberührt. Das zeigt sich schon in der Herkunft des Begriffs „Garten“ aus dem Indoeuropäischen über das Griechische und Lateinische: ein umzäunter, eingefriedeter und (von der übrigen, wilden Natur) abgegrenzter Bereich.

Der Rasenliebhaber als Extrembeispiel setzt auf die Monokultur einer einzigen Grasart. Der Hausgärtner ist da schon vielfältiger und sorgt sich um seine dreißig bis fünfzig Arten Gemüse und Blumen mit jeweils einer Reihe unterschiedlicher Sorten.
Das tue auch ich, und ich lasse auch aus Faulheit und Überzeugung alles wachsen und krabbeln was nicht beim saloppen Unkrautjäten oder versehentlich Drauflatschen den Geist aufgibt.

Wenn Nacktschnecken nun auch für mich als gleichmütigen Ökogärtner ein Problem werden, dann zeigt sich nicht das Böse in der Nacktschnecke, sondern die manchmal einseitige Dynamik eines gestörten Lebensraumes. Übrigens: Gestörte Biotope sind hundertmal spannender als welche im Gleichgewicht. Ein 300 Jahre alter natürlicher Buchenwald ist erhebend, aber bzgl. Artenreichtum eher unspektakulär und bleibt es auch die nächsten 100 Jahre. Ein Loch im selben Wald, durch einen Sturm gerissen, bietet in den ersten 10 Jahren vielfältigste, ständig in Veränderung befindliche ökologische Nischen für unzählige Arten vom Säuger bis zur Pilzspore.

Aber zurück zu den Nacktschnecken!

Ich weiß also:

  • dass in meinem Garten zwangsläufig – weil eben gestaltetes Stück Natur – nicht alles im ökologischen Gleichgewicht ist,
  • unter anderen auch, weil ich möglichst viel schmackhafte Salate, Kohlrabi und sonstige Gemüse-Leckereien ernten und Blumen sehen will.
  • dass das auch die Vermehrung der Nacktschnecken begünstigen kann und
  • diese sich dann über jede frisch gepflanzte Gemüsepflanze und jeden Blumensämling, jeden eben gesprossenen Keimling hermachen.

Aber ebenso sicher empfinde ich auch mich als Teil des “Lebensraumes Garten” mit berechtigten eigenen Ansprüchen daran und versuche die mit Augenmaß zu erreichen. Dazu will ich nichts bekämpfen, sondern auf ein Maß zurückdrängen, das eine gedeihliche Koexistenz ermöglicht. Das tun übrigens alle anderen Millionen von Lebewesen in meinem Garten auch: Die Bäume wollen auf Kosten aller anderen Pflanzen ans Licht, die Rauhblattgewächse wie der Borretsch ungenießbar sein, die Ameisen züchten Blattläuse und die Maienkäfer fressen sie …

Die Nematoden oder Fadenwürmer

Und ich klaube die Nacktschnecken zusammen, locke sie in Bierfallen locke sie mit Tagetes weg oder baue unnatürliche Stahlhindernisse.
Oder hole mir eben Hilfe von anderen Lebewesen, die als natürliche Gegenspieler die aus dem Ruder gelaufene Nacktschnecken-Population begrenzen sollen:
Nematoden oder Fadenwürmer, konkret Phasmarhabditis hermaphrodita (PH). Denn die haben sich im Laufe der Evolution auf das „Verspeisen“ von Nacktschnecken spezialisiert.

Es gibt 20.000 verschiedene Arten von Nematoden. Wahrscheinlich sind sie die individuenreichste Gruppe unter den vielzelligen Tieren auf diesem (noch) schönen Planeten.
In einer Hand voll Erde sind ca. 1000 Nematoden aus einem Dutzend Arten. Ssie seien nachgerade ein Gradmesser für die Bodenqualität, so Sebastian Höss vom Institut für Biodiversität Regensburg. Sie leben im Gartenbodendort zwischen den Bodenpartikeln und ernährten sich von Bakterien, Pilzen, Pflanzenresten oder auch räuberisch von anderen Lebewesen, wie eben – vereinfacht gesagt – von Nacktschnecken.

Die Millionen von per Gießkanne ausgebrachten Nematoden Phasmarhabditis hermaphrodita werden mit Sicherheit nur einen Teil der Nacktschnecken erwischen, mehr braucht es auch nicht. Es ist nicht Krieg und das ganze militärische Vokabular von Bekämpfung bis Vernichtung ist im Garten wie auch sonst im Verhältnis Mensch und Natur total fehl am Platze. Die Nematoden und Fadenwürmer sollen nur helfen, einen bestimmten Bereich wieder etwas näher ans biologische Gleichgewicht zu bringen und mir zu meinem wohl verdienten Salat.

Nematoden / Fadenwürmer im Garten ausbringen

Die Anwendung klingt auf den ersten Blick einfach: Abgemessene Menge Nematoden in einer Gießkanne mit Wasser auflösen und die entsprechende Gartenfläche damit begießen.
Der Teufel steckt aber wie immer im Detail: Die kleinen Gartenhelfer sind empfindlich und vertragen weder Hitze noch Kälte, Trockenheit oder direktes Sonnenlicht.
Hier muss man sich wirklich an die Herstellerangaben halten, sonst ist der Erfolg infrage gestellt und das Geld umsonst ausgegeben. Denn ganz billig ist das Ganze nicht. Für eineGartenfläche von 10m x 10m sind es schon über 50.- €!
Und eines muss einem auch bewußt sein: Gegen die große, rote, Spanische Wegschnecke wirken die Nematoden nicht. Ich für meinen Garten muss aber sagen, dass die größere Plage im Frühjahr die kleinen Ackerschnecken sind, gegen die die Nematoden wirksam sind.

Mein Fazit: ich habe es einmal ausprobiert, bin aber vom Erfolg nicht vollständig überzeugt. Wobei ich gerne zugebe, hier bei der Anwendung doch etwas nachlässig gewesen zu sein, was den Erfolg beeinträchtigt haben könnte.

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