Der Gottorfer Codex – Pflanzenatlas und Weltanschauung des Barock

Iris xiphioides (Gottorfer Codex)
Iris xiphioides aus dem Gottorfer Codex von Hans-Simon Holtzbecker (via Wikimedia Commons)

Die Anfänge moderner, detailgetreuer Kräuterbücher und Pflanzenatlanten liegen in der Zeit der Spätrenaissance. Schon das „New Kreuterbuch“  des Mediziners und Botanikers Leonhard Fuchs von 1543 beispielsweise bildet die Pflanzen so bestechend naturgetreu ab, dass es als Lehrbuch für Apotheker und Mediziner Verwendung fand.

Auch die Familie der berühmten Naturforscherin und Illustratorin Maria Sibylla Merian trug ihren Anteil an der Entwicklung der Pflanzen- und Blumenmalerei bei. Maria Sibylla Merians Großvater Johann Theodor de Bry erstellte 1612 einen Kupferstichband mit 80 Blumendarstellungen. Als „Florilegium novum“ gab ihr Vater Matthäus Merian 1641 noch während des Dreißigjährigen Krieges den Band in einer erweiterte Neuausgabe heraus.
Auch das eigentlich den Insekten gewidmete Lebenswerk von Maria Sibylla Merian besticht durch die naturgetreue und dabei künstlerisch anspruchsvolle Darstellungen von Blumen und Pflanzen aller Art.

Der Gottorfer Codex

Das Barock war also eine Zeit des zunehmenden Interesses an der Natur, ihrer genaueren Beobachtung und ihrer schriftlichen Erfassung und Darstellung.
Ganz im Zeichen dieser Entwicklung steht auch der „Gottorfer Codex“, ein großartiges Pflanzenbuch aus dem 17. Jahrhundert.  Der Prachtband wurde im Auftrag  Herzog Friedrichs III. aus dem Haus Schleswig-Holstein-Gottorf vom Hamburger Blumenmaler Hans Simon Holtzbecker geschaffen.

Das vierbändige Florilegium zeigt auf rund 360 großformatigen Pergamenten die vielfältige Pflanzenwelt des Gottorfer Gartens. Hier versammelten sich um das Jahr 1650 über 1150 Pflanzenarten aus aller Welt. Holtzbeckers Pflanzenportraits sind keine symbolisch aufgeladenen Darstellungen mehr in der Tradition eines spätmittelalterlichen Paradiesgärtleins oder späteren Stilllebens. Sie sind aber trotz der genauen Wiedergabe der Wurzel, Knollen oder Zwiebeln jedoch auch noch keine rein wissenschaftlich orientierten Pflanzenwiedergaben unter ausschließlich biologischen Gesichtspunkten.

Die Gouachen des Gottorfer Codexes zeugen vielmehr von einem Bedeutungswandel des Blumenbildes. Dieser spannende Prozess wurde angestoßen durch das ausgeprägte wissenschaftliche Interesse Friedrichs III. und Adam Olearius‘, seines Hofmathematikers und Hofbibliothekars. Sie wollten die Phänomene der Natur in ihren vielfältigen Erscheinungsformen ergründen und verstehen. Davon zeugt auch der Bau des Gottorfer Globusses, des ersten Planetariums der Welt.

Die große Sommerausstellung:
Gottorfer Codex. Blütenpracht und Weltanschauung

Präsentiert wurde vom 24. Mai bis 26. Oktober 2014 auf der Schlossinsel Gottorf in Schleswig erstmals in Deutschland mehr als 150 Einzelblätter sowie zwei komplette und in jahrelanger Arbeit aufwändig restaurierte Bände des Gottorfer Codex sowie über 50 großformatige Blumenstillleben. Diese einzigartige Schau aus dem Staatlichen Kunstmuseum in Kopenhagen zeigte exklusiv auch  Gemälde aus den königlichen Gemächern Dänemarks.